Meisterschülerin
Individuationsweg: Kashmirischer Shaivismus, Tantra
Nach dem Abschluss ihres Kunststudiums in London kehrt die junge Inderin, Amrita, nach Neu Delhi zurück. Dort soll sie so bald wie möglich verheiratet werden, doch Amrita besitzt einen ausgeprägten Eigenwillen und noch größeren Freiheitsdrang und lehnt jeden Bewerber kategorisch ab.
Die Sommerferien verbringt sie mit ihrer Familie wie jedes Jahr in deren Haus in den Bergen von Shimla. Auch ihre Schwester und deren Mann Gautam, den Amrita zuletzt bei seiner Hochzeit vor vier Jahren gesehen hat, treffen kurze Zeit später dort ein.
Als Amrita Gautam wiedersieht, weitet sich ihr Bewusstsein ohne Vorwarnung. Sie erinnert sich an ein vergangenes Leben. Was zunächst nur ein vages Gefühl war, wird mit jeder Begegnung zwischen ihr und Gopal klarere und greifbarere Erinnerung.
Amrita selbst spürt, dass diese Veränderung ihrer Wahrnehmung bedeutet, dass sie nicht mehr in ihr altes Leben nach Delhi zurückkehren kann, obwohl sie als Malerin gerade dabei ist, Bekanntheit und Anerkennung zu erlangen.
Verzweifelt sucht sie den Rat der weisen Amma, die sie schon seit ihrer Kindheit kennt. Amma war immer so etwas wie eine zweite Mutter für sie, doch nun stellt sich heraus, dass sie viel mehr ist als das. Amma ist ihre Meisterin.
Die Familie kehrt in die Stadt zurück und Amrita bleibt allein in dem Haus in den Bergen, um ihre geistige Schulung zu beginnen, für die sie nun reif ist.
Amma ist eine Tantrika, die ihre Schülerin weise und selbstlos auf dem wahren tantrischen Weg durch alle Tattvas und alle Ebenen des Bewusstseins führt. Durch sie erlebt Amrita die Welt aus der Sicht der shaivistischen Tradition. Sie dringt in die Welt des Bewusstseins über die vielfältigsten Formen und Elemente in immer subtilere umfassendere Bereiche vor. Ihre Beziehung zu Gautam ist der ständige Spiegel und Katalysator, der sie auf allen Ebenen ihrer Innenschau begleitet.
Von Anfang an weiß Amrita, dass sie nur dann Befreiung finden kann, wenn sie die karmische Verstrickung mit Gautam vollständig lösen und sich restlos an die gemeinsame, bindende Vergangenheit erinnern kann. Doch selbst dann wird es noch eine Hürde geben, die sie zu nehmen hat …
Leseprobe
“Es dauerte noch ein paar Tage bis ich Indus Rat beherzigen und mich auf den Weg zu Amma machen konnte. Ich glaube, insgeheim hatte ich es die ganze Zeit über gewusst und doch war es wie eine unerklärliche Begriffsstutzigkeit gewesen… Ich hatte mich einfach nicht daran erinnern können, dass Amma mir angeboten hatte, mich spirituell zu schulen. Und auch heute ließ ich mir ungewöhnlich viel Zeit, bis ich endlich zu Fuß ihr kleines Häuschen erreichte. Ich spürte den inneren Widerstand wie einen äußeren Druck, der unerschütterliche Willenskraft von mir verlangte, damit ich mich nicht noch auf der letzten Stufe vor Ammas Haustür abwandte und zurück nach Hause lief und aufgab, bevor ich überhaupt den ersten Schritt auf meinem eigenen Weg gewandert war. Natürlich kämpften die verschiedenen Aspekte meines Egos gegen den letzten Schritt, mit dem ich mein Einverständnis demonstrierte, mein Einverständnis, dem Pfad der Loslösung, vairagya, zu folgen, den ich erst neulich als den einzigen Pfad, der in die Zukunft führte, erkannt hatte. Es war eigenartig: Obwohl mir die Loslösung von alten Verstrickungen irgendwie geschah und ich nichts als der stumme, einverstandene Zeuge war, der sie geschehen ließ, war es doch an gewissen Punkten immer wieder von fundamentaler Bedeutung, dass ich die Erkenntnis, die die Einsicht in das Wesen einer Verstrickung hinterließ, durch eine Handlung, die nach außen wirkte, demonstrierte. So als erlaube ich der Erkenntnis erst hierdurch, sich zu manifestieren. Dann erst war der Kreis von Frage, Erkenntnis und Manifestation vollendet. Dann erst war wieder Raum für Anfang und Ende einer neuen Lektion, die sich bald wie die Perlen einer mala aneinander reihten und in immer tiefere Ebenen der Erkenntnis führten.
Ich gab mir selbst den letzten entscheidenden Ruck, sprang auf die oberste Stufe der knarzenden Holztreppe, die zu Ammas Haustür heraufführte, und klopfte eine Spur zu heftig und zu laut.
Amma öffnete nicht. Sie rief nicht „Herein!“, ja, sie rührte sich nicht einmal. Zaghaft klopfte ich erneut. Schon spürte ich wie die Willenstärke nachließ und dem Zweifel in mir Platz machte. Wenn Amma nicht öffnete, dann war es vielleicht falsch, heute mit dem Wunsch vor ihrer Tür zu stehen, sie möge mich unterweisen. Auch auf wiederholtes Klopfen rührte sich nichts. Schon wogen Zweifel und Willenstärke gleich viel, und es würde nur wenige Sekunden dauern, dann hätte der Zweifel gesiegt und ich befände mich auf dem Rückweg nach Hause. Ich sah mir dabei zu, wie ich innerlich mit mir kämpfte. Plötzlich öffnete sich die Tür einen Spalt breit, ohne dass ich sie berührt hatte. Neugierig steckte ich den Kopf hinein und rief: „Amma! Amma! Bist du da? Ich bin es, Amrita!“
Nichts rührte sich im Innern der Hütte. Ich nahm all meine Kraft zusammen und betrat den kleinen Raum, in dem Amma selbstgenügsam lebte. Ich war schon so oft unbekümmert, ohne anzuklopfen, in Ammas Haus gelaufen. Sie hatte es mir niemals übel genommen und ich hatte mich niemals davor gefürchtet. Doch heute war etwas anders. Heute war der Schritt, den ich über ihre Türschwelle tat, wichtiger, bedeutungsvoller. Bisher war Amma meine mütterliche Freundin gewesen. Das würde sich heute ändern. Ich spürte meinen inneren Kampf und die Aufregung, die sich in einem Frösteln und Zittern äußerte. Ich setzte mich leise und ungewöhnlich ruhig und andächtig auf einen der Schemel, die um Ammas Küchentisch standen, und wartete ungeduldig auf ihre Rückkehr.Die Zeit hat die eigenartige Angewohnheit, sich auszudehnen und zusammenzuziehen, wie es ihr beliebt. Sie ist eine relative Dimension, die wir in unserem Geist erschaffen und in unserer Unwissenheit, avidya, für absolut und unveränderlich halten. Sie ist ein Schleier der maya, den wir für unabänderlich gegeben halten, obwohl wir ihn nur durch unseren blinden Glauben an ihn selbst erhalten. Ich lebte in einer kurzweiligen Welt, die erfüllt war von bunten Bildern und starken Emotionen, welche die Zeit colorierten und ausfüllten und ihr keinen eigenen Stellenwert zumaßen. Umso verwunderter musste ich heute feststellen, wie lang die Zeit einem werden konnte, wenn man sich auf sie fixierte und inständig hoffte, sie möge schnell vergehen. Ich war es nicht gewohnt, auf etwas zu warten, denn in der Regel ließ ich die Dinge auf mich zukommen, ließ sie zu mir kommen. In meinem Erleben geschah, was geschehen musste, und ich stellte mich den Erscheinungen in dem Moment, in dem ich sie wahrnahm. Nur selten antizipierte ich oder hoffte auf bestimmte zukünftige Ereignisse. Eigentlich immer nur dann, wenn Unsicherheit und Zweifel mich plagten und mein Geist von Grübeleien heimgesucht wurde; wenn ich etwas unbedingt wollte oder schrecklich fürchtete. Ähnlich war es auch heute, denn ich glaubte, ich hätte eine Entscheidung getroffen und müsste sie nun unbedingt dem mitteilen, den sie anging. Je erwartungsvoller ich dem Moment von Ammas Rückkehr entgegensah, desto weiter entfernte er sich von mir. Natürlich begriff ich nicht, dass ich das Greifen des Egos erlebte, das nichts als Anhaften war. Ich war bei Amma, ich war bei den Dingen, ich war bei dem, was ich ihr sagen wollte und nicht bei dem natürlichen Fluss, der allem erlaubt, sich zu ereignen, wenn der natürliche Zeitpunkt gekommen ist. Ich wollte mit der ganzen Kraft meines starken Willens und erreichte nichts.
Ich saß in Ammas Küche, die mit dem Herabsinken der Sonne immer dunkler und stiller wurde und starrte auf die Zeit, die dahin kroch wie eine Schnecke, die sich unbekümmert die Ewigkeit nahm, um die Welt zu umrunden. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, geschweige denn, mir einen Tee zu kochen oder in den Garten zu gehen. In meinem Kopf gab es nur ein Ereignis, das wichtig war und das war die Rückkehr Ammas, damit ich ihr sagen konnte, was ich ihr sagen wollte, damit das Großartige, was ich mir vorstellte, endlich beginnen konnte. Dabei hatte es längst begonnen… völlig unabhängig von meinem individuellen Willen.
Ich kam nicht auf die Idee, dass dies meine erste Prüfung war, dass Amma absichtlich lange fortblieb, weil sie wusste, dass ich, angefüllt mit Begeisterung über die großartige Neuigkeit, die ich ihr zu verkünden beabsichtigte, auf heißen Kohlen in ihrer Küche saß. Ich sah nicht die wichtige Lektion, die diese Stunden des Wartens, des Alleinseins mit meinen ungestümen Gedanken, beinhalteten, denn das tantrische Prinzip von mahakala, des Zusammenspiels von Zeit und Raum, die die Bühne bilden auf denen sich das kosmische Schauspiel der maya, lila genannt, ereignet, war mir fremd. Auch wusste ich noch nichts über die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass Amma mich absichtlich warten ließ. Ich wusste nicht, dass der Lehrer auf viele Arten lehrte und dass es nur äußerst selten vorkam, dass er dem Schüler wörtlich erklärte, was er ihn zu lehren beabsichtigte. Die Weitergabe der Weisheit des shaivitischen Tantrismus beruht auf der lebendigen Erfahrung, die der Lehrer im Schüler auf vielfältige Weise zu erzeugen weiß. Der Lehrer ist eins mit der Wahrheit, mit satya, die das Formlose, das Göttliche, paramshiva, ist. Er selbst ist den Weg der Erkenntnis gegangen, und er wird den Schüler durch seine Seele führen, wie es die Seele des Schülers verlangt. Keine zwei Schüler sind jemals denselben Weg gegangen, keine zwei Schüler werden jemals denselben Weg gehen und doch wandern alle auf unterschiedlichen Pfaden der einen Erkenntnis entgegen, die immer und überall dieselbe ist – universell und ungeteilt.
Bald fühlte ich mich von einer unerträglichen Ungeduld gepackt, die wie ein Schwarm wilder Hummeln durch meine Glieder sauste, mich von meinem Schemel aufspringen ließ und mich zu erschöpfender Bewegung zwang. Ich lief hinaus in den Garten und füllte sämtliche Krüge, die ich finden konnte, mit Wasser, das ich aus dem Brunnen heraufzog. Aber selbst diese Tätigkeit war nicht geeignet, meine Ungeduld zu befriedigen, denn ich wollte nichts, als mich Amma mitteilen.
Die Dunkelheit senkte sich über die Berge und ich zündete müde die Kerzen an, die Ammas Hütte abends erhellten. Ich wusste, dass sie kurz nach dem Hereinbrechen der Dunkelheit zu Bett ging, denn sie lebte mit den natürlichen Vorgaben der Zeit, die von der Sonne bestimmt wurden. Endlich beruhigte sich der Sturm der Ungeduld in meinem Innern, denn nun wusste ich, dass ich Amma bald ins Gesicht sehen würde. Und doch ließ sie noch über eine Stunde auf sich warten…Ein raschelndes Geräusch hinter mir weckte mich. Für einen kurzen Moment wusste ich nicht, wo ich war, doch dann, als ich das kalte Holz an meiner Wange, die auf Ammas Küchentisch lag, fühlte, kam die Erinnerung zurück. Erleichtert rief ich: „Amma! Wo bist du gewesen? Ich habe eine Ewigkeit auf dich gewartet.“
Sie antwortete nicht. Stattdessen holte sie in aller Seelenruhe unzählige Kräuter aus ihrem Korb und legte sie auf den Tisch, um sie wortlos zu bündeln und mit einem Faden zusammenzubinden. Ich sah ihr schweigend zu. Der Drang, mich ihr mitzuteilen, versiegte allmählich und machte einer angenehm entspannten Ruhe Platz, die von Amma auszugehen schien und sich auf mich übertrug. Ich half ihr unaufgefordert, die verschiedenen Kräuter zu sortieren und gleiche mit gleichen zu bündeln. Das Hupen eines Wagens schreckte mich aus der konzentrierten Arbeit. War es schon so spät? Ich hatte den Fahrer gebeten, um zehn bei Amma zu sein, falls ich nicht zuvor zu Fuß nach Hause gekommen wäre.
„Es wird Zeit, dass du gehst, Amrita. Komm morgen wieder, dann sprechen wir darüber.“
Ich wunderte mich, wie leicht es mir plötzlich fiel, Ammas Hütte schweigend zu verlassen, ohne mein dringendes Anliegen losgeworden zu sein. Ein eigenartiges Gefühl des selten verspürten Friedens machte sich in mir breit und löste jeglichen Wunsch auf, als habe es nie einen gegeben.”

