Saraswati. Der Fluss des Lebens
Individuationsweg: Advaita Vedanta
„Wer bin ich?“ wird Saraswati Ingenhoven eines Tages – einem plötzlichen Erwachen gleich – gezwungen sich zu fragen. „Wer bin ich und was will ich wirklich?“ Die Deutsche fürchtet die Fragen, die sie bestürmen und fühlt gleichzeitig, dass sie sie beantworten muss. Da trifft sie auf den indischen Dichter Arun Gopal bei seiner ersten Lesung in Hamburg, der sich selbst und seinem Publikum dieselben Fragen stellt. Für einen magischen Moment heben sich die Schleier der Täuschung, die Saraswatis Bewusstsein bisher umgaben, weil Arun Gopal absolut aufrichtig über seine tiefe Sehnsucht nach der göttlichen Liebe und seine Suche nach dem göttlichen Selbst spricht. Saraswati spürt, dass Arun viel tiefer und viel inniger mit dem Leben verbunden ist als sie es jemals war und er weckt ihre Erinnerung an ihre frühe Kindheit in Indien.
Die Fragen werden so dringend, dass sie nach Indien reist. Aruns Großeltern nehmen sie herzlich auf und Saraswati lernt wissbegierig und leicht, was es bedeutet, dem Fluss des Lebens bedingungslos zu vertrauen und ihm zu erlauben Verleugnetes und Verdrängtes ans Tageslicht zu bringen. Arun und Saraswati begeben sich gemeinsam auf die Suche nach ihren Wurzeln. Trotz großer Ängste und tödlicher Gefahren sind sie bereit, der Wahrheit über eine sie verbindende Vergangenheit zu begegnen. Viele lange gefürchtete Einsichten in die Verstrickungen ihrer beider Familien verlieren den Schrecken, als Saraswati und Arun erkennen, dass alles, was sie erleben, in direktem Zusammenhang mit ihnen selbst steht.
Unerschrocken gehen sie ihren Weg, den Weg der bedingungslosen Selbsterforschung und Hingabe an die Liebe, die Nicht-Dualität. Alle äußeren Ereignisse führen sie dabei immer näher zum innersten Selbst, das das Göttliche im Menschen ist.
Leseprobe
“Saraswati war um acht mit Natascha verabredet. Die Buchhandlung Fresendorf war nicht weit von der Agentur entfernt. An der Kasse hing ein Schild: Ausverkauft. Enttäuscht erwähnte Saraswati, dass sie eine Bekannte von Natascha Richter sei. „Warum sagen Sie das denn nicht gleich?“, fragte die Dame hinter dem Tresen. „Frau Richter hat eine Karte für Sie hinterlegt. Viel Vergnügen!“
Saraswati schob sich durch die wartende Menge zu einem freien Platz in der Mitte einer der vorderen Reihen. Das Publikum machte einen überraschend intellektuellen Eindruck auf sie. Viel zu intellektuell für die sprachlichen Eskapaden eines „jungen Wilden“. Noch bevor Saraswati von ihrem Nachbarn etwas über den jungen Künstler erfragen konnte, ging ein nervöses Räuspern durch den Raum und Natascha trat vor die Menge. Sie wirkte hübscher, als Saraswati sie in Erinnerung hatte – schlanker, größer und weniger burschikos.
„Herzlich willkommen zu unserer heutigen Lesung. Ich begrüße Sie im Namen der Buchhandlung Fresendorf, des Verlages Bohlenau und unseres jungen Künstlers, der sich Ihnen gleich persönlich vorstellen wird. Wir danken Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen und das offenkundige Interesse, das aus Ihren Gesichtern spricht.
Viele von Ihnen kennen unsere Reihe, in der wir jungen, oft recht extravaganten Autoren, die Möglichkeit gegeben haben, ihre Werke publik zu machen. Ich glaube, jeder von uns war überrascht zu sehen, dass sich diese jungen Künstler rasend schnell ein eigenes Genre erschlossen haben, das heute den bezeichnenden Titel „Popliteratur“ trägt. Diese jungen Autoren haben im wahrsten Sinne des Wortes Zeitgeschichte geschrieben. Aber wie es mit der Zeit heute nun einmal so ist: Sie läuft schneller, als wir denken können. Auf der letzten Buchmesse zeigte sich, dass Popliteratur heute schon wieder überholt ist. Viele, die ihre prominentesten Vertreter in den letzten Jahren als genial, wortgewandt und einfallsreich gelobt haben, nennen sie heute einfallslos, überheblich und arrogant. So durften wir, die wir Literatur entdecken und vermarkten, erleben, wie Mode entsteht und wieder vergeht.
Diese Entwicklung haben wir nun zum Anlass genommen, nach neuen jungen Autoren zu suchen, die wieder weniger Pop und mehr Literatur machen. Ich kann Ihnen sagen: Es gibt derlei viele. Was lange als melancholisch, verträumt, und weltfremd galt, findet heute wieder großen Anklang.
So sind wir auf einen jungen Mann gestoßen, den wir vor drei oder vier Jahren mit Sicherheit abgelehnt hätten, der aber heute ein viel versprechendes Talent ist.
Meine Damen und Herren, begrüßen sie mit mir Arun Gopal und lassen Sie sich in seine Welt entführen. Eine Welt, die mit Sicherheit eine andere Welt ist, als die, die sie zu kennen glauben …!“Die letzten Huster verstummten und es herrschte angespanntes Schweigen in dem prall gefüllten Leseraum. Es schien ewig zu dauern, bis Arun Gopal den Raum betrat. Sein Name kam Saraswati eigenartig bekannt vor, fast als dränge er aus einer fernen Zeit aus tiefer Erinnerung an ihr Bewusstsein. Gespannter als der Rest der Menge richtete sie ihre Augen auf das Rednerpult, an dem gerade noch Natascha gestanden hatte. Erst nahm sie ihn kaum wahr, so leicht und geschmeidig bewegte er sich. Aber kurz darauf war er so präsent, dass er ihre Wahrnehmung vollkommen gefangen nahm. Er schien auf wundersame Weise den ganzen Raum auszufüllen. Arun war jung, etwa ihr Alter, und er war Inder. Groß und schlank stand er vor der Menge und wirkte in keiner Weise von ihr beeindruckt. Lässig nahm er nun das Mikrofon aus der Halterung am Rednerpult und hielt es behutsam in der linken Hand, locker gehalten von Daumen, Zeigefinger und Ringfinger, eine Geste, die eine Spur zu anmutig und zu weich für einen Mann war, dadurch aber umso faszinierender wirkte.
Ein schüchternes Lächeln zog über Aruns Gesicht. Auch dieses Lächeln war ihr keineswegs fremd. Ohne Akzent richtete der junge Autor sich distanziert und doch freundlich an die gespannte Hörerschaft:
„Ich schließe mich dem herzlichen Willkommen, das Natascha Richter auch in meinem Namen ausgesprochen hat, gerne an. Ich muss gestehen, dass mir die Vorschusslorbeeren, die ich eben über mich hören durfte, gefallen. Doch gleichzeitig verängstigen sie mich. Nichts ist schwerer, als hohen Erwartungen gerecht zu werden. Deshalb möchte ich auch keine weiteren erklärenden Worte hinzufügen. Sie sollten meine Gedichte hören und sich selbst Ihr Urteil bilden.“
Er kokettierte nicht. Er meinte, was er sagte. Arun Gopal steckte das Mikro zurück in seine Halterung, schlug langsam und fast zärtlich ein Buch auf, das auf dem Rednerpult für ihn bereitlag, und begann stehend zu lesen.Seine Stimme kam aus einer Tiefe, die Saraswati fremd erschien. Seine Worte fingen ihre Aufmerksamkeit mühelos ein. Sie versuchte, ihren Sinn zu erfassen, vergebens. Sie waren so leicht und schwerelos, dass sie förmlich durch ihr Bewusstsein hindurchschwebten. Erst als sie einige Minuten dem ruhigen, stetigen Fluss seiner Worte verwirrt gefolgt war, begriff sie, dass sie anders hören musste, als sie es gewöhnt war. Sie durfte nicht denken, während sie Aruns Worten folgte. Sie musste sie unmittelbar erleben.
„Der Augenblick
Du rätst mir,
im Augenblick zu leben,
das sagenumwobene Hier und Jetzt zu suchen.
Du rätst mir,
mich fallen zu lassen,
mich mutig in deine geliebten Arme zu werfen,
mich dir ganz hinzugeben.
Du versprichst mir,
mich mit dem Leben und deiner Liebe zu belohnen.Ich nehme all meinen Mut zusammen,
suche immerfort die Ewigkeit in diesem Augenblick.
Doch wie oft entschwindet er mir,
wie oft ist er nichts als eine Fata Morgana,
die ich zu sehen glaube,
doch als ich nach ihr greifen will,
entpuppt sie sich als Illusion …“Ihr Körper spannte sich unter den Worten, die aus Aruns Mund an ihr Bewusstsein drangen. Verächtlich dachte sie: „Indischer Kitsch!“ Und doch wusste sie, dass dies nur eine Abwehrreaktion war, dass sie keinen Kitsch hörte, kein sentimentales Gefasel. Sie ahnte, dass Arun Gopal etwas Besonderes war und dass seine poetischen Worte eine Wahrheit in sich bargen, die ihr erschreckend fremd war. Sie beobachtete ihn kritisch. Völlig unbeteiligt, ohne Scham und ohne Stolz las er die Worte, die keiner der in dem Raum Anwesenden zu denken gewagt hätte. Absolut natürlich trug er vor, was keiner der hier Anwesenden auch nur begreifen konnte. So sehr Saraswati sich auch bemühte, die Bedeutung der gelesenen Worte zu erfassen, desto mehr begriff sie, dass sie es nicht konnte, dass sie es vielleicht niemals können würde. Traurigkeit über so viel Unvermögen mischte sich mit der Freude, die das Gehörte irgendwo in ihr auslöste. Fast hatte sie das Gefühl, als spräche Arun nur zu ihr.
„… Du rätst mir,
mich von allen Vorstellungen zu lösen,
meinem Gefühl zu folgen,
dem elektrisierenden Prickeln,
das es nur auf dem Punkte der höchsten
Konzentration der Energie und des Bewusstseins gibt.
Oftmals glaubte ich bereits,
diesen Punkt, wo Endlichkeit und Unendlichkeit einander begegnen,
gefunden zu haben,
aber dann,
als ich mich darüber freute,
das scheinbar Unmögliche möglich gemacht zu haben,
brach die Energie in sich zusammen
und mein Bewusstsein verdunkelte sich erneut –
ich verlor den Augenblick.Du rätst mir,
ihn nicht zu suchen
und ihn nicht festhalten zu wollen.
Du befiehlst mir,
mich von der Vergangenheit ebenso zu lösen wie von der Zukunft.
Ich treibe wie ein kleines Floß in einem See von unendlicher Weite,
einem See, der keine Ufer mehr hat,
denn ich habe das Ufer der Vergangenheit
und das Ufer der Zukunft in mir ausgelöscht
und mich der allgegenwärtigen Gegenwart verschrieben.Aber den Augenblick habe ich noch immer nicht gefunden.
Der See ist zu groß.
Ich habe Angst, in diesem Meer der Unendlichkeit die Orientierung zu verlieren.
Ich habe Angst, für immer und ewig dort,
in der Mitte eines Sees ohne Anfang und Ende,
herumzutreiben – ohne Sinn.Du sagst,
der Sinn liegt in der gänzlichen Hingabe,
in meinem Vertrauen,
das nur aus der Selbstaufgabe entstehen kann.
Dies sei die letzte Prüfung.
Du sagst,
du freust dich,
dass ich begriffen habe,
was Vergangenheit und Zukunft eigentlich sind:
Projektionen unseres Geistes,
die uns von der Wahrheit fortführen.
Ich kann mich heute nicht mit dir freuen,
denn ich weiß,
dass ich das,
was ich eigentlich suche,
noch nicht gefunden habe.Du lachst mich aus.
Nennst mich –
wie immer –
einen Narren,
weil ich noch immer suche
und nicht verstanden habe,
dass ich mich allein mit der Tätigkeit des Suchens
in die Zukunft hineinbegebe,
wo ich doch in der Gegenwart sein wollte.Wieder rätst du mir, alles aufzugeben,
alle Wünsche, alle Hoffnungen, alle Begierden,
alle Ängste, jegliche Trauer und Wut.
Du sagst,
wenn du alles durchlebt hast,
das Hängen an der Vergangenheit
und das Streben in die Zukunft,
dann kannst du die Fäden loslassen,
mit denen du dich an das Alte und an das Erträumte bindest.
Dann erst bist du frei für die Erfahrung der Gegenwart.
Der Augenblick schenkt dir die Freiheit.
Der Augenblick ist die Verwirklichung der Wahrheit.
Erst wenn du in der Gegenwart,
an dem Punkt,
der eigentlich nichts
und doch alles ist,
angekommen bist,
dann erst wirst du mein wahres Wesen erkennen.Ich spüre nun,
was Hingabe bedeuten könnte.
Es könnte eine Kapitulation sein.
Meine Kapitulation.
Mein Ich ergibt sich vor einer höheren Macht,
die es erst heute sehen kann.
Lieber möchte ich die Hingabe jedoch als Akt der Liebe sehen:
Ich gebe mich Dir hin, dem einzigen Geliebten,
den ich jemals hatte.
In jedem Menschen, den ich begehrte,
sah ich dich,
deine Schönheit,
deine überfließende Liebe,
deine Fülle,
deine Reinheit
und deine Unschuld.Die Weisen sagen,
du hättest die Welt aus einem Akt der Liebe geschaffen,
dein Wesen sei Liebe,
aber du brauchtest den,
der dich liebt,
um die Liebe erleben zu können,
um die Wiedervereinigung,
die Aufhebung der illusorischen Trennung, zu erfahren.Endlich erkenne ich die Magie des Augenblicks.
In dieser Sekunde sehe ich,
dass ich lebe,
um dich wahrhaft zu lieben,
dass ich lebe,
um mich dir hinzugeben,
weil du der Sinn meines Lebens bist.
Du bist mein Sinngeber.
Mit meiner Hingabe an dich erfüllt sich im kleinen der Sinn,
der die Welt erfüllt,
das, was die Welt am Leben hält.
Das Rad von Leben, Tod und Wiedergeburt hört auf, sich zu drehen,
weil der Motor des Strebens,
der es in Bewegung hielt,
an seinen Ursprung zurückgekehrt ist
und nun die Bewegung nicht mehr braucht.Ich wollte den Augenblick finden,
die unendliche Gegenwart.
Ich habe ihn gefunden,
aber er ist nicht das,
was ich zu finden erwartete.
Dennoch bin ich nicht enttäuscht,
im Gegenteil,
ich bin beglückt.
Ich hoffte,
die Stille und Weite des Nichts zu finden,
die Ruhe und den Frieden des Seins,
jenseits der Spaltungen und Kämpfe.
Aber ich fand mehr.
Viel mehr, als ich zu träumen wagte.
Die Zukunft,
die ich für mich erträumt hatte,
war kleiner als das Geschenk der verwirklichten Gegenwart.
Ich fand die Liebe.
Ich fand meinen Geliebten.
Ich fand mich selbst.
Ich fand den Sinn.
Ich fand Erfüllung.“Aruns Stimme war während des Lesens beständig klangvoller und ruhiger geworden. Als sie verstummte, schienen die Zuhörer förmlich zu erschrecken. Saraswati fühlte sich, als stünde sie nackt, einsam und ohne Schutz im eiskalten Regen. Dieser Fremde sprach über dieselben Dinge, die ihr erst gestern bewusst geworden waren. Er sprach von echtem Leben, von Sinnhaftigkeit und er sprach von Liebe … Die Menge wirkte verzaubert und von hilflosem Staunen erfüllt. Saraswati warf einen kurzen Blick auf Natascha, die das Ergebnis ihres Überraschungscoups sichtlich genoss. Das hatte niemand von ihr und von ihrem Verlag erwartet.
Die Zuhörer blickten wie versteinert nach vorn. Keiner wagte zu atmen, geschweige denn zu klatschen. Saraswati empfand die Stille als zu angespannt. Nervös rutschte sie auf ihrem Sitz hin und her und wagte es, durch ungeniertes Klatschen die Menschen um sie herum aus ihrer Starre zu befreien. Nach und nach fielen alle erleichtert in den Applaus ein.
Saraswati dachte an Walt Whitman, an William Blake und den Perser Rumi. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass es in der heutigen Zeit Menschen, junge Menschen ihres Alters, gab, die ähnlich dachten, die ähnlich schrieben und die suchten oder sogar gefunden hatten, was all diese Dichter gemeinsam beschrieben: das Göttliche, das Eine, die Liebe.”

