Spirituelle Romane

von Daniela Jodorf

Shambhala

Posted by admin

Shambhala. Reise ins innerste Geheimnis

Individuationsweg: Tantrischer Buddhismus
 
shambhala_cover

Utopie oder Wirklichkeit?

Caroline von Teubner wünscht sich nichts sehnlicher, als der Routine ihres journalistischen Alltags in Berlin durch eine neue Herausforderung zu entfliehen. Als ihr Wunsch unerwartet in Erfüllung geht und sie nach Neu Dehli, Indien, versetzt wird, folgt sie dem Ruf nach Veränderung, trotz großer Bedenken und Zweifel.

In der indischen Metropole angekommen, wird sie binnen weniger Tage in ein Spiel verstrickt, das andere für sie geschrieben zu haben scheinen. Bedeutungsvolle Zufälle, seltsame Begegnungen, archetypische Zeichen und Symbole sprechen zunächst ihren journalistischen Instinkt an.
Bald wird aus reinem beruflichen Interesse eine höchstpersönliche Verwicklung, die sie auf die Spuren des sagenumwobenen Shambhala, des buddhistischen Paradieses, führt. Je weiter sie bereit ist, sich auf die Fragen, die sich ihr stellen, und die Antworten, die sie in den Ereignissen findet, einzulassen, desto tiefer offenbaren sich ihr das Wesens der buddhistischen Religion und das seit Jahrtausenden behütete Geheimnis um Shambhala. Das, was als bloße Herausforderung begann, wird zur Suche nach der Wahrheit, zu einem Weg der tantrischen Initiation, zu einer spirituellen Reise, die Caroline die tief versteckten Wahrheiten des diamanten Fahrzeugs des Buddhismus und des Kalachakra-Tantra, des Rades der Zeit, am eigenen Leib erfahren läßt.

Dieser Weg führt sie zurück in die eigene schreckliche, schuldbeladene Vergangenheit, zu Illusionen, Verzweiflung, Angst und Kampf, aber auch hin zu der Liebe zu Daniel Nirula, einem indischen Tibetologen, mit dem gemeinsam sie die härtesten Prüfungen im annektierten Tibet besteht, einer Liebe, die ihr den Weg zur Wahrheit weist. Ihr Kollege, Rudolf Rondorf, entpuppt sich als ihr ärgster Feind, der ihr die größten Steine auf der Suche nach der Wahrheit in den Weg legt und sie zwingt, ihrem eigenen Schatten ins Gesicht zu sehen.
Viele Lamas, Yoginis und buddhistische Heilige führen Caroline, schützen sie durch ihren festen Glauben an Carolines geistigen Kräfte und lehren sie die wahre Bedeutung der menschlichen Existenz – die Entwicklung des Bewußtseins bis hin zur letzten Erfahrung der Wirklichkeit, die Verwirklichung der buddhistischen Leere, shunyata, der Erfahrung des „Verlöschens“, nirvana, des Nichts, das doch Alles bedeutet.
Nur so kann die Utopie Shambhala zu gelebter Wirklichkeit werden…

DJ:” Shambhala ist kein Roman über Beziehung oder Seelenverwandtschaft. Shambhala ist ein Roman über die Liebe, die das Selbst jenseits von Ich und Du sichtbar werden läßt; ein Roman über die Suche nach dem Göttlichen selbst, das sich durch die mystische Hochzeit, die endgültige Verbindung von Bewußtsein (Shiva) und Energie (Shakti) offenbart.”

Leseprobe

“Erst als sich die Grabkammer füllte und flüsternde Stimmen die Ruhe zerrissen, flüchtete ich hinaus ins Freie. Der weiße Marmor reflektierte die Sonne und die plötzliche Helligkeit traf mich wie ein Blitz. Geblendet suchte ich Halt an einem Geländer.

Rechts von mir erkannte ich im Schatten uralter Bäume die Umrisse einer Moschee. Ein herrlicher Platz für eine kurze Rast, dachte ich und lehnte mich erschöpft an einen der Bäume. Dann muss ich eingeschlafen sein. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, aus tiefem Schlaf zu erwachen, als ich eine schnelle Bewegung neben mir wahrnahm. Erschrocken fuhr ich hoch. Vor mir saß ein dürrer alter Mann und starrte mich ungeniert an. Er trug traditionelle indische Kleidung: ein langes weißes Hemd über einer schmalen Hose in der gleichen Farbe. Mit vor der Brust zusammengelegten Händen machte er eine kleine Verbeugung und grüßte mich: “Namasté.“
Ich erinnerte mich an Mr. Govils warnende Worte und fürchtete die Attacke eines aufdringlichen Händlers. Aber das kindliche Lächeln des Alten ließ meine Abwehr lächerlich erscheinen und so legte auch ich die Hände zusammen und erwiderte seinen Gruß mit ungewohnter Offenheit.
Mit ruhigen, anmutigen Bewegungen öffnete er den flachen runden Korb, den er bei sich trug, holte eine Schlange hervor und hielt sie mir entgegen. Angewidert wollte ich ablehnen, aber der Mann ließ keinen Widerspruch zu und legte mir das Reptil um Arm und Schulter. Der Ekel machte Freude und ehrfürchtiger Verwunderung Platz. Instinktiv wusste ich, dass ich dem Alten vertrauen konnte und die Schlange nicht zu fürchten brauchte. Das Tier wickelte sich geschmeidig um meinen rechten Arm und züngelte mich an. Es fühlte sich kühl und warm zugleich an, geschmeidig und weich, fest und doch biegsam. Mit einem Lächeln dankte ich dem Alten dafür, dass er mir seine Schlange anvertraut hatte. In diesem Moment trafen sich unsere Blicke und ich war gefesselt von seinem durchdringenden Blick. Er hatte die faszinierendsten Augen, die ich je gesehen hatte: braun mit einem schmalen blauen Ring, der sich wie ein Band aus Stahl um die Pupille legte, und wenn er lächelte, leuchteten sie in einem tiefen, silbrigen Glanz. Ich war gebannt von der Schönheit dieses alten Mannes, die nicht äußerlich war und gänzlich alterslos wirkte.
„Nur wenige Touristen finden diesen Ort.“
Ich schwieg.
„Mein Name ist Baba, was in deiner Sprache „Väterchen“ bedeutet. Seit vielen Jahre lebe ich in der Nähe des Taj. Ich habe dich schon gesehen, als du durch das Eingangstor kamst. Du bist anders als die anderen.“
„Wie anders?“
„Du bist wach. Du siehst die Bedeutung hinter den Mauern. Das ist eine sehr große Gabe. Wie heißt du, mein Kind?“
„Caroline.“
„Ein schöner Name. Ich glaube, er bedeutet „freier Mensch“.“
Und dann sagte der Alte etwas, dessen Bedeutung ich nicht verstand, das aber etwas in mir zum Klingen brachte: „Caroline, in Indien liegt der Schlüssel zu deiner Freiheit.“

Unsere Blicke trafen sich erneut und in diesem Moment spürte ich etwas in mir, das ich noch nie zuvor gespürt hatte. Es kam mir vor, als könne Baba in die tiefsten Tiefen meines Geistes blicken. Und einen winzig kleinen Moment lang sah ich in seinen Augen, was er in mir sah. Er war der Spiegel, der das Unbekannte in mir spiegelte, das Unsichtbare, das Formlose. In ihm sah ich etwas, das jenseits von mir lag, jenseits meiner mir bekannten Persönlichkeit. Dieses Etwas war viel mehr als ich und doch so etwas wie ich im reinsten, authentischsten Sinne. Im stummen Zwiegespräch mit Baba fühlte ich es mehr, als dass ich es sehen konnte. Ich erahnte es, ohne es wirklich zu erkennen. Es erinnerte mich an die blauen Berge auf meinem Bild und an ein unbeschreibliches Gefühl der tiefen Liebe und Glückseligkeit.

Ich hätte schwören können, dass Baba nicht laut zu mir sprach. Es schien, als seien seine Gedanken meine Gedanken. Aber war das überhaupt möglich?
„Du kommst aus einem Land, in dem die Christen immer noch glauben, dass es nur einen einzigen wahren Weg zu Gott gibt. Wie töricht ist diese Einstellung.

Keine Religion ist besser als die andere, kein Weg zu Gott ist besser als der andere. Sie alle sind individuelle Wege, die den Einzelnen führen können, wenn er bereit ist, sich führen zu lassen. Kein Weg ist für jeden der richtige. Es ist alles eine Frage der Persönlichkeit und der individuellen Neigungen und Prägungen des Geistes. Letztlich verfolgen alle Religionen nur ein einziges Ziel und liegen nur scheinbar miteinander im Wettstreit. Der Kampf um die Vorherrschaft der einen vor der anderen entspringt der Unwissenheit der Gläubigen. Im Kern sind alle Religionen eins, so wie alle Wesen eins sind. Sie alle weisen einen Weg und stellen die notwendigen Mittel zur Verfügung, um der Wahrheit oder des Göttlichen unmittelbar gewahr werden zu können. Wer sie nur mit dem Verstand begreift, wird niemals erfassen können, welche Kraft sie alle miteinander verbindet, denn er wird nur sehen, was sie voneinander unterscheidet. Nur wer den Punkt sieht, an dem alle Religionen einander berühren, ist der Wahrheit nahe. Die Religionen sind wie die Speichen eines Rades, die sich in der Nabe des Göttlichen treffen.

Indische Weisheitslehrer wie Buddha lehrten die Suchenden, dass der Schlüssel zur Befreiung in ihnen selbst zu finden ist. Buddha sprach nicht von Gott, sondern von Leere, Befreiung und Erlösung.“
Mir war, als wolle Baba mir einreden, dass auch ich eine Suchende war, und dieser Gedanke missfiel mir. Ich war glücklich und zufrieden. Mir fehlte nichts. Ich war kein gläubiger Mensch. Und religiös war ich schon gar nicht. Der Begriff „Gott“ hatte keine persönliche Bedeutung für mich.
Falls Baba meine Gedanken ebenso wahrnahm wie ich seine, ließ er es sich nicht anmerken. Ungerührt fuhr er fort: „Hier gibt es kein Leben ohne Religion. In Indien sind Religion und weltliches Leben eins. Solltest du gewöhnt sein, religiöse und weltliche Erfahrung voneinander zu trennen, so wirst du in Indien gezwungen sein, beide wieder miteinander zu vereinen.

Ein Leben ohne spirituelle Ambitionen und Ziele ist leer und bedeutungslos. Es ist wie ein Bogen, der lasch gespannt und auf kein konkretes Ziel gerichtet ist. Der Pfeil eines solchen Lebens wird irgendwo im Nichts landen. Er wird nichts bewirken, denn ihm fehlt die Kraft, sein Ziel zu erreichen. Und wie das Ziel des Pfeils die Mitte der Scheibe ist, ist das Ziel des Lebens die Erkenntnis der Wahrheit. Leider habt ihr Europäer das längst vergessen. Ihr sucht das Geheimnis des Lebens noch immer in den falschen Dingen und lebt wie im Schlaf. Ihr wollt die Welt erforschen, ohne euch selbst zu erforschen. Ihr geht ständig über Grenzen, ohne euch der Tatsache bewusst zu sein, dass euch nur die inneren Grenzen, die Grenzen des „kleinen“ Ich, von dem trennen, was ihr begehrt.“

Baba schwieg. Betreten blickte ich auf die Schlange, die sich in meinen Armen zusammengerollt hatte. Lebten wir wirklich wie im Schlaf? Ich glaubte zu verstehen, was Baba mir sagen wollte, aber die Bestimmtheit mit der er es vorgebracht hatte, schien mir ungerecht. Ich fühlte mich zu Unrecht angegriffen und der Unwissenheit beschuldigt.
„Ich will dich und deine Kultur nicht verurteilen. Ihr seid wie ihr seid, und das ist gut so. Nein, ich will dir, dir ganz persönlich zeigen, was möglich ist, weil ich sehe, dass das, was du bist, dir selbst nicht genug ist. Du hast das Potential, die Wahrheit zu erkennen. Du solltest es nicht sinnlos vergeuden oder ganz brach liegenlassen. Suche nach dem verborgenen Shangri-La, das du nur finden wirst, wenn du verstehst, …wenn du den Schlüssel gefunden hast. Und du wirst ihn niemals im Außen finden.“
Wieder schwieg der Alte. Dann hob er einen kurzen Stock vom Boden auf und zeichnete etwas in den roten Sand zwischen uns. Es war eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss und so einen Kreis beschrieb.

„Suche die Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Sie bedeutet Anfang und Ende, Geburt und Tod, Leben und Vergehen, Vereinigung der scheinbar unvereinbaren Gegensätze. Sie ist die Vollendung des Kreises der Verwandlung, das Ende der Transformation. Die Schlange ist Weisheit und die Anwendung dieser Weisheit. Die Schlange ist das Leben in seiner reinsten, vollkommensten Form.“

Unvermittelt erwachte die Schlange auf meinem Arm zu neuem Leben. Wie auf einen stummen Befehl hin schlängelte sie sich über mein Knie zurück zu ihrem Herrn. Der Alte öffnete den Korb und ließ sie hinein.
Unsicher wagte ich eine letzte Frage: „Wenn all das wahr ist, woher weiß ich dann, dass ich eine Suchende bin?“
„Der erste Keim des Erwachens ist die Sehnsucht nach Liebe!“
Wie konnte er das wissen? Er musste mich vorhin im Mausoleum beobachtet haben.
Er wartete nicht auf meine Antwort, sondern stand auf, verbeugte sich mit gefalteten Händen und verschwand so lautlos wie er gekommen war.
Ich war verwirrt und wusste nicht, ob ich geträumt hatte oder ob der Alte wirklich da gewesen war. Ich blickte auf meine Uhr und konnte kaum glauben, dass nicht mehr als eine halbe Stunde vergangen war, seit ich mich unter dem Baum niedergelassen hatte. Ich hätte schwören können, dass der Alte und ich Stunden um Stunden miteinander verbracht hatten.
Ich machte mich auf den Weg zum Ausgang. Bevor ich den Garten um das Taj Mahal durch das Haupttor verließ, schaute ich mich noch einmal nach Baba um, aber er hatte sich anscheinend in Luft aufgelöst. Mir war heiß, ich war todmüde und ich wollte so schnell wie möglich zurück nach Delhi.”

Comments are closed.